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Dienstag, 11. November 2014

"Call of Duty" gibt Gehirn einen Leistungsschub

Action in Videospielen steigert kognitive Fähigkeiten und Kompetenzen

Videospieler: Action Games fördern Gehirnfähigkeiten
(Foto: schemmi/pixelio.de)

Washington/Straßburg/Wien (pte027/11.11.2014/12:30) - Lern- und Multitasking-Kompetenzen verbessern sich erheblich, wenn User bevorzugt Action-Videogames wie Activion's "Call of Duty" spielen. Laut einer aktuellen PNAS-Studie können Gamer visuelle Objekte kognitiv wesentlich effizienter verarbeiten, diese sogar in Gedanken rotieren und auch Informationen besser festhalten als Nicht-Spieler.

Dass digitaler Input oft sehr positive Seiten haben kann, wissen Experten schon seit längerem. "Gute, pädagogisch wertvolle Computerspiele können die Fähigkeiten und Kompetenzen eines Menschen auf unterschiedliche Weise fördern", erklärt Lisa Brunner vom Institut für Suchtprävention gegenüber pressetext.

Kompetenzerwerb für alle

Eine detaillierte Betrachtung der Studienergebnisse bedeutet für die Medizin- und Lernwissenschaft erhebliche Möglichkeiten zum Fortschritt. Gamer hatten in den durchgeführten Tests einen signifikanten Vorteil darin, genau vorhersagen zu können, was in verschiedenen Szenarien als nächstes passieren würde. Dies konnten die Spieler sogar nebenbei bewältigen, während ihr Aufmerksamkeitsfokus auf von Forschern gestellten Aufgaben gerichtet war.

Personen, die zuvor keine Video-Games gespielt hatten, konnten in den Untersuchungsreihen mit dem Spiel "Call of Duty"-Kompetenzen erwerben. Dazu mussten sie jedoch in einem Zeitraum von zwei Monaten mindestens fünf Mal in der Woche bis zu zwei Stunden gespielt haben. Die erworbenen Multi-Tasking-Skills hielten sich danach etwa ein Jahr in den Gedächtnissen der Versuchspersonen.

Aufbauspiele langweilen Hirn

Eine Vergleichsgruppe sollte im Anschluss an die Tests das weniger spektakuläre soziale Game "Sims 2" spielen. Ergebnisse zeigten, dass die Spieler dadurch keine Kompetenzen erwarben. Experten erklären anhand der Studie, dass in Action-Spielen oftmals völlig unterschiedliche Reaktionen gefragt sind, während diese jedoch kaum miteinander in Beziehung stehen. Ganz anders als zum Beispiel bei Aufbauspielen, die meistens streng nach dem gleichen Schema ablaufen.

Dennoch sollen die Ergebnisse keine Entschuldigung für das dauerhafte Spielen von Video-Games sein. Andere Gehirnfunktionen leiden beim exzessiven Spielen und können im schlechtesten Fall sogar verloren gehen. Gerade bei Kindern kann die Entwicklung beim Dauerspielen gestört werden. Die Studie wurde von Organisationen wie dem Office of Naval Research und dem Human Frontier Science Program finanziert.


Dieser Artikel wurde von pressetext.austria veröffentlicht und ist unter http://www.pressetext.com/news/20141111027 abrufbar.

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Menschliches Denken funktioniert teils unbewusst

Optische Tests liefern neue Blickwinkel auf Entscheidungsprozesse

Nudel-Gehirn: Alles Bewusste läuft unbewusst ab
(Foto: pixelio.de/M. Berger)

Sydney (pte004/30.10.2014/06:15) - Unbewusstes Denken beeinflusst das bewusste Denken - und zwar ohne, dass die denkende Person etwas davon mitbekommt. Das zeigt eine neue Analyse der University of New South Wales. Dabei versuchten die Forscher der Frage auf den Grund zu gehen, ob es Teile im Gehirn gibt, die Informationen vor dem Bewusstsein zurückhalten, die mit dem bewussten Denkprozess quasi durch eine Hintertür verbunden sind.

Experimente mit Punkten

Zu diesem Zweck wurden Studienteilnehmern Masken aufgesetzt, bei denen jedem Auge ein seperates Bild dargeboten wurde. Den Freiwilligen wurden Bilder von sich bewegenden Punkten gezeigt. Die Forscher befragten sie danach, in welche Richtung sich die Punkte bewegten. Der Haken: Die Bewegungen der Punkte am Beginn waren fast nicht wahrnehmbar und wurden erst mit der Zeit sichtbar.

Je früher die Probanden aber die Bewegungsrichtung der Punkte identifizieren konnten, umso akkurater fielen die Ergebnisse aus. Während eines anderen Experiments bewegten sich farbige Punkte ziellos vor einem Auge, während graue Punkte sich vor dem anderen Auge entweder nach rechts oder links bewegten. Die bunten Punkte überwältigen das Gehirn dabei dermaßen, dass die Bilder der grauen Punkte dadurch vollständig überdeckt werden.

Wichtige Grundlagenforschung

Ältere Studien haben bereits gezeigt, dass das Gehirn zwar sieht, was mit den grauen Punkten passiert, aber das nur unbewusst. Die aktuelle Erhebung wollte ergründen, ob Vorinformationen über die grauen Punkte die Richtigkeit der Antworten erhöht. Dies bestätigte sich nun. Die Freiwilligen konnten genauer die Bewegungsrichtung der grauen Punkte angeben, wenn sie die Punkte schon vorher zu Gesicht bekamen.

Die australischen Experten sehen die neuen Ergebnisse als ein Beispiel dafür, dass unbewusste Informationen den bewussten Entscheidungsprozess beeinflussen. Sie schlagen vor, dass - falls ähnliche Prozesse im Alltagsleben stattfinden - diese Erkenntnisse große Konsequenzen haben. So ließen sich Überlegungen dazu anstellen, wie das menschliche Denken grundsätzlich funktioniert.


Dieser Artikel wurde von pressetext.austria veröffentlicht und ist unter http://www.pressetext.com/news/20141030004 abrufbar.

Freitag, 21. März 2014

Können wir uns auf unser Gedächtnis verlassen?

Richtige und falsche Erinnerungen

Ist Verlass auf unser Gedächtnis?

Wir greifen im Alltag regelmäßig auf unsere Erinnerungen zurück – diese können uns jedoch auch einen Streich spielen. Kürzlich gewonnene Erkenntnisse zeigen, dass unabhängig davon, ob es sich um eine richtige oder falsche Erinnerung handelt, immer dieselbe Gehirnregion aktiviert wird. Noch erstaunlicher ist jedoch, dass unser Gedächtnis die Zeit scheinbar auf seine ganz eigene Art und Weise durchläuft.

Studie (Teil 1): Wie sich unsere Erinnerungen festigen und ändern

Wie sich unsere Erinnerungen festigen und ändern, hat Donna J. Bridge, Neurowissenschaftlerin an der Northwestern University, in einer Studie untersucht. Für die Studie wurden 17 Teilnehmer aufgefordert, sich die Platzierung von zehn Objekten zu merken, die für kurze Zeit auf einem Computerbildschirm gezeigt wurden. Zunächst sollten die Teilnehmer die Objekte aktiv mithilfe der Computermaus an die richtige Position ziehen. Keinem der Teilnehmer gelang es jedoch, die Objekte richtig zu platzieren. Anschließend wurde für den zweiten Teil der Studie ein Abstand zwischen den zwei Positionen gemessen.

Studie (Teil 2)

Im zweiten Teil sollten die Teilnehmer die Objekte passiv richtig platzieren. Hierzu wurden den Teilnehmern drei Vorschläge unterbreitet: die ursprüngliche Position, die im ersten Teil falsch angegebene Position und eine Position zwischen diesen beiden Punkten. 16 von 17 Teilnehmern wählten, unabhängig vom jeweiligen Hintergrundbild, dieselben falschen Positionen wie im ersten Teil des Tests. Dieses Ergebnis lässt darauf schließen, dass die Teilnehmer im ersten Teil des Tests eine falsche Erinnerung „gespeichert“ hatten.

Studie (Teil 3)

Im dritten Teil des Tests wurden die Teilnehmer aufgefordert, die Objekte an vorgegebenen Positionen auf einem neuen Hintergrundbild zu positionieren. Hierbei wurden die vorgegebenen Positionen zwar zufällig festgelegt, die Positionen hatten jedoch alle den zuvor gemessenen Fehlerabstand. Die Teilnehmer wussten nicht, dass diese Punkte falsch sind. Anschließend sollten die Teilnehmer das Objekt erneut vom Zentrum des Bilds in die richtige Position ziehen, also in die Position, an der sie das Objekt ursprünglich gesehen hatten. Bei diesem Teil des Tests schnitten die Teilnehmer erstaunlich gut ab. Dieselben guten Ergebnisse wurden auch im letzten Teil des Tests erreicht, in dem die Teilnehmer aus drei verschiedenen Positionen auswählen sollten.

Ergebnisse

Die während der Durchführung der Tests gemessene Hirnaktivität zeigt, dass sowohl bei der „richtigen“ als auch bei der „falschen“ Erinnerung derselbe Bereich des Hippocampus beteiligt ist. Die Neurowissenschaftlerin schließt daraus, dass „der Hippocampus dafür verantwortlich ist, ob eine Repräsentation unverändert bleibt oder sich ändert, unabhängig davon, was für uns gerade von Bedeutung ist“.

Anhand der Studienergebnisse lässt sich erklären, warum es uns beispielsweise schwerfällt, eine Person auf einem alten Foto wiederzuerkennen. Den Forschern zufolge werden unser Gedächtnis und unsere Vergangenheit auf Grundlage unserer Erfahrungen in der Gegenwart umgeschrieben. Die wichtigste Funktion unseres Gedächtnisses wäre es, uns dabei zu helfen, stets die richtige Entscheidung zu treffen. Hierzu muss das Gedächtnis immer wieder aktualisiert werden: Was heute wichtig ist, kann das ersetzen, was gestern wichtig war.

Die gewonnenen Kenntnisse könnten Auswirkungen auf verschiedene andere Bereiche haben, beispielsweise auf Gerichtsverfahren, bei denen die Aussagen der Beteiligten häufig auf deren Erinnerungen basieren.

(Quelle: Donna J. Bridge et al. "Hippocampal binding of novel information with dominant memory traces can support both memory stability and change.", Februar 2014, Journal of Neuroscience)

Dienstag, 18. März 2014

Kaffee stimuliert Geist und Gedächtnis

Bilder-Wiedererkennung und Mustertrennung verbessert

Kaffee stimuliert Gedächtnis
(Foto: HappyNeuron.de)

„Die Studie hat gezeigt, dass ich auch in Zukunft nicht auf meinen Kaffee verzichten muss“, so der Neurowissenschaftler Michael Yassa, unter dessen Leitung eine Studie über die Auswirkungen von Kaffee durchgeführt wurde. Die Fähigkeit zur Unterscheidung von Objekten, Mustern oder Situationen spielt in vielen Alltagssituationen eine entscheidende Rolle – und Kaffee könnte sich als wertvoller Verbündeter erweisen, um diese Aufgabe im Alltag zu meistern.

Studie (Teil 1): Bilder-Wiedererkennung verbessert durch Kaffee

Das Forscherteam um Michael Yassa der Johns Hopkins University in Baltimore konnte belegen, dass Bilder nach einem Tag besser wiedererkannt werden, wenn nach dem Ansehen der Bilder Kaffee verabreicht wurde.

Bei den 44 Studienteilnehmern handelte es sich um moderate Kaffeetrinker. Die Teilnehmer wurden aufgefordert, mindestens einen Tag vor dem Test auf Kaffee zu verzichten. Während des Tests wurden den Teilnehmern sehr unterschiedliche Fotos (Apfel, Stuhl, Hammer usw.) auf einem Computerbildschirm gezeigt.

Während die Bilder gezeigt wurden, sollten die Teilnehmer angeben, ob es sich um ein Objekt handelt, das üblicherweise draußen oder drinnen verwendet wird. Sie sollten sich die Bilder jedoch nicht merken. Anschließend wurde den Teilnehmern eine 200-mg-Tablette Koffein oder ein Placebo verabreicht (eine Tasse Kaffee enthält ca. 150 mg Koffein).

Studie (Teil 2): Mustertrennung verbessert durch Kaffee

Am nächsten Tag wurde den Teilnehmer erneut eine Reihe von Bildern gezeigt. Unter den Bildern befanden sich die am Vortag gezeigten Bilder, völlig neue Bilder aber auch Bilder, die den am Vortag gezeigten Bildern mehr oder weniger ähnelten. Jedes Bild sollte als „alt“, „neu“ oder „ähnlich“ eingestuft werden. Bei der Einteilung in alte und neue Bilder schnitten die Kaffee- und die Placebogruppe gleich gut ab. Beim Identifizieren der ähnlichen Bilder erzielte die Gruppe, der Kaffee verabreicht wurde, jedoch bessere Ergebnisse. Bei dieser Aktivität handelt es sich um eine für das Gehirn vergleichsweise schwierigere Aufgabe, die sogenannte Mustertrennung.

Die Ergebnisse lassen vermuten, dass sich mäßiger Kaffeekonsum positiv auf diese spezifische Gedächtnisleistung der Mustertrennung auswirken könnte. Der zugrundeliegende Wirkmechanismus von Kaffee ist nach wie vor unklar. Eine der Theorien geht jedoch davon aus, dass durch den Konsum von Kaffee der Noradrenalinspiegel ansteigt, ein Hormon, das beim Abspeichern von Erinnerungen eine Rolle spielt. Einige Wissenschaftler sind Michael Yassas Schlussfolgerungen gegenüber jedoch skeptisch, da ihrer Meinung nach weitere Belege erforderlich sind, um Kaffee diese spezifische Wirkung zuschreiben zu können.

Quelle: Daniel Borota et al. Post-study caffeine administration enhances memory consolidation in humans. Nature Neuroscience 17, 201-203 (2014); doi:10.1038/nn.3623
PDF "Post-study caffeine administration enhances memory consolidation in humans"


Dieser Artikel wurde von HappyNeuron.de veröffentlicht und ist unter http://HappyNeuron.de/wissenschaftliche-themen/kaffee-stimuliert-geist-und-gedachtnis abrufbar.

Freitag, 19. April 2013

Babys: Forscher geben Einblick ins Bewusstsein

EEG zeigt Veränderungen der Gehirnaktivität - 80 Kinder untersucht

Baby: Gehirn entwickelt sich sehr rasch
(Foto: pixelio.de, Gerrit Schmit)

Paris (pte007/19.04.2013/10:15) - Einen Blick vom Bewusstsein, das in den Gehirnen von Babys entsteht, haben Forscher der Ecole Normale Supérieure erstmals aufgezeichnet. Dies könnte bei der Über­wachung während der Narkose helfen und Einblicke in das Bewusstsein im Wachkoma oder sogar bei Tieren ermöglichen. Das menschliche Gehirn entwickelt sich während des ersten Lebensjahres sehr rasch. Das Baby gelangt von einem unbewussten Zustand in einen, in dem es die Umwelt komplett wahrnimmt.

Zweigeteiltes Muster

Das Team um Sid Kouider nutzte Verfahren der Magnet­resonanz­tomographie, um die elektrische Aktivität in den Gehirnen von 80 Kindern aufzu­zeichnen. Dabei wurden ihnen kurz Fotos von Gesichtern gezeigt. Bei Erwachsenen steht das Erkennen eines Reizes mit einem zweigeteilten Muster der Gehirnaktivität in Zusammenhang. Details der Studie wurden im Fachmagazin Science veröffentlicht.

Sofort nachdem ein visueller Reiz angeboten wird, werden Bereiche des visuellen Kortex aktiv. Rund 300 Millisekunden später werden andere Bereiche wie auch der präfrontale Kortex aktiv, die mit höheren kognitiven Vorgängen in Zusammenhang stehen. Das Bewusstsein schaltet sich nur ein, wenn der zweite Teil der neuronalen Aktivität eine bestimmte Grenze erreicht. Es handelt sich dabei um eine Alles-oder-Nichts-Reaktion.

Tests über EEG-Kappen

Erwachsene können verbal beschreiben, dass sie sich dieses Reizes bewusst sind. Ein Baby ist jedoch wie ein geschlossenes Buch. Laut Tristan Bekinschtein von der University of Cambridge wissen Forscher viel über das Bewusstsein von Menschen, die sprechen können und nur sehr wenig über jene, die dazu nicht in der Lage sind.

Für die aktuelle Studie wollten die Wissenschaftler herausfinden, ob eine ähnliche Signatur bewusster Wahr­nehmung auch bei Kindern vorhanden ist, die noch nicht sprechen können. Sie statteten Babys mit fünf, zwölf und 15 Monaten mit EEG-Kappen aus und zeichneten die Gehirnaktivität während einer Reihe rasch wechselnder Bilder auf. Bei den meisten Bildern handelte es sich um Ovale mit einem zufälligen Muster. Darunter war jedoch auch ein Gesicht, das nur zwischen 17 und 300 Millisekunden lang erkennbar war.

Andere Informationsverarbeitung

Jede Gruppe reagierte auf das Gesicht mit dem erwarteten zweigeteilten Muster. Der zweite Teil, die Aktivität mit bewusster Wahrnehmung, war jedoch bei den Kindern mit fünf Monaten viel langsamer und weniger ausgeprägt als bei jenen mit zwölf Monaten. Bei den ältesten Kindern wurde das zweite Stadium zwischen 800 und 900 Millisekunden nach dem Zeigen des Bildes erreicht. Bei den 15 Monate alten Kindern lag dieser Wert durchschnittlich bei 300 Millisekunden.

Babys verfügen laut Kouider über die gleichen Mechanismen wie Erwachsene. Sie sind allerdings sehr langsam. "Es geschehen Dinge im Gehirn. Sie können mit diesen Informationen allerdings nichts anfangen." Die Studienergebnisse liefern jedoch keinen direkten Beweis für eine subjektive Erfahrung. Die Veränderungen in der Gehirnaktivität weisen auf die Entwicklung der visuellen Wahrnehmung hin. Es ist jedoch nicht klar, ab wann das zweite Stadium so kurz ist, dass eine bewusste Wahrnehmung einsetzen kann.


Dieser Artikel wurde von pressetext.austria veröffentlicht und ist unter http://www.pressetext.com/news/20130419007 abrufbar.

Montag, 7. Januar 2013

Menschliches Blickfeld größer als angenommen

Gehirn bildet Umgebung auch außerhalb des sichtbaren Bereiches ab

Auge: Gehirn hält selbst "Unsichtbares" fest
(Foto: pixelio.de, Spreckelmeyer)

Tübingen (pte012/07.01.2013/13:57) - Forscher des Werner Reichardt Centrum für Integrative Neuro­wissenschaften der Universität Tübingen zeigen, dass wir uns unserer Umgebung auch bewusst sind, wenn wir sie gerade nicht im Blick haben. "Ich kann beispielsweise nach einer Tasse Kaffee auf dem Tisch greifen und dabei in eine ganz andere Richtung schauen", sagt Andreas Bartels, einer der Studienautoren, im pressetext-Gespräch. Wir wissen zum Beispiel während der Lektüre eines Buches, dass die Tür rechts, der Bücherschrank links und das Fenster hinter uns liegen.

Experimente im Raum

"Die Hirnforschung hat bisher nicht gefragt, was mit den Information außerhalb unseres Blickfeldes passiert", sagt Bartels. Man wusste bisher nicht, wo genau im Gehirn der Raum dargestellt wird, der aus unserem Blickfeld verschwindet. Man habe diesen Effekt bisher nur im Gesichtsumfeld erforscht. Menschen prägen sich also die Details im Raum so ein, dass sie wissen, was sich etwa hinter ihnen befindet. Das bedeutet aber nicht, dass wir Änderungen außerhalb unseres Blickfeldes wahr­nehmen können.

Einige Versuchspersonen wurden in die Mitte eines virtuellen achteckigen Raumes gestellt. In jeder Ecke wurde ein Gegenstand postiert. Die Gehirnaktivität der Probanden wurde mit Hilfe von funktioneller Magnet­resonanz­tomographie aufgenommen. Die Testpersonen hatten eines von acht möglichen Objekten im Blick und die Aufgabe, die Position eines zufällig ausgewählten zweiten Objektes im Raum relativ zu seiner derzeitigen Perspektive zu bestimmen.

Erklärung von Neglect-Störungen

Die Gehirnaktivitätsmuster im Parietallappen kodieren die Position der Umgebung zum Menschen. Dieses Resultat passt zum bereits Entdeckten: Gehirnschäden im Parietalcortex können zu schweren Störungen der egozentrischen räumlichen Wahrnehmung führen. Patienten, die an optischer Ataxie leiden, fällt es schwer, zielgerichtete Greifbewegungen auszuführen. Neglect-Patienten mit einer halbseitigen Gehirnschädigung haben Schwierigkeiten, die der Gehirnläsion gegenüberliegende Seite ihrer Umgebung wahrzunehmen.


Dieser Artikel wurde von pressetext.austria veröffentlicht und ist unter http://www.pressetext.com/news/20130107012 abrufbar.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Gehirn "erblindet" beim Erinnern

Objekte im Sehfeld werden nicht wahrgenommen

Konzentrierte Frau: Sehkortex wird deaktiviert
(Foto: pixelio.de, S. Hegewald)

London (pte002/04.10.2012/06:05) - Das Konzen­trieren auf eine Sache oder der Versuch, sich an etwas Bestimmtes zu erinnern, macht den Menschen blind für das, was um ihn herum passiert. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung des University College in London. Wenn Objekte während dieser aktiven kognitiven Tätigkeit direkt im Sehfeld stehen, sieht sie das Auge zwar, das Gehirn nimmt sie jedoch nicht wahr.

Lichtblitze ignoriert

Die Probanden der Erhebung wurden einer funktionellen Magnetenresonanztomographie ausgesetzt, die Aktivitäten im Gehirn misst. Den Teilnehmern wurde danach eine visuelle Erinnerungsaufgabe gegeben, wobei sie ein bestimmtes Bild gedanklich hervorrufen mussten.

Während dieses Denkprozesses scheiterten sie an der Wahrnehmung eines Lichtblitzes, der direkt in ihrem Sehfeld produziert wurde. Dieser konnte jedoch erkannt werden, wenn die Probanden frei von Gedanken waren.

Sehkortex deaktiviert

Ein ähnliches Phänomen wurde bereits mit dem bekannten Versuch "Invisible Gorilla" demonstriert, bei dem Zuschauer eines Basketballclips die Pässe zählen mussten und dabei den vorbeigehenden Gorilla übersahen. Die neuen Ergebnisse besagen, dass das visuelle Feld jedoch nicht obligatorisch mit Objekten verknüpft werden muss, um "blind" für andere zu sein. Alleine das bewusste Erinnern führt dazu, da der primäre Sehkortex ausgeschaltet wird.

Das Phänomen des geistlichen Erblindens kann Unfallgefahren erhöhen. Wenn Menschen versuchen, sich an den Weg, der ihnen zum Beispiel das Navigationssystem gezeigt hat, zu erinnern, so ist die Wahrscheinlichkeit größer, Störfaktoren und Gefahren auf der Straße zu übersehen, obwohl sie grundsätzlich gesehen werden.


Dieser Artikel wurde von pressetext.austria veröffentlicht und ist unter http://www.pressetext.com/news/20121004002 abrufbar.

Dienstag, 1. März 2011

Gehirn entwickelt bei Blinden neue Fähigkeiten

Visueller Kortex ist viel aktiver als bei Sehenden

Gehirn: Ungenutzte Areale werden neu programmiert
(Foto: pixelio.de, Dieter Schütz)

Cambridge (pte010/01.03.2011/10:00) - Das geistige Auge kann bei von Geburt an blinden Menschen eine Fähigkeit für die Verarbeitung von Sprache entwickeln. Mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanz-tomographie ist es jetzt Wissenschaftlern des MIT gelungen zu zeigen, dass der visuelle Kortex auch bei Blinden aktiviert wird. Am meisten faszinierte das Team um Rebecca Saxe, dass das geschieht, wenn Aufgaben gelöst werden, die mit Sprache zu tun haben. Details der Studie wurden in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.

Neue Fähigkeiten erwerben

Saxe erklärte, dass diese Ergebnisse zuerst nicht plausibel erschienen. Denn bisher war die Wissenschaft davon ausgegangen, dass der visuelle Kortex bei sprachlichen Aufgaben keine Rolle spielt. Sie lud daher Sehende und von Geburt an Blinde ein, sich Texte anzuhören während sie im MRI-Scanner lagen. Es zeigte sich, dass sich die Sprache verarbeitenden Zentren des Gehirns aller Teilnehmer fast identisch verhielten. Die Aktivität des visuellen Kortex war jedoch bei den blinden Teilnehmern deutlich höher.

Auch Evelina Fedorenko, eine Mitautorin der Studie, war sehr erstaunt. "Es gibt einen Bereich des Gehirns, der von Geburt an eine bestimmte Aufgabe hat. Er ist jedoch in der Lage, neue Fähigkeiten auf sehr hohem Level zu erwerben, die eine sehr hohe kognitive Leistung verlangen." Fedorenko geht davon aus, dass blinde Menschen, die durch ihren visuellen Kortex eine Verstärkung erhalten, bei sprachlichen Aufgaben besser abschneiden könnten als Sehende.

Gehirn verändert sich spontan

Amir Amedi von der Hebrew University of Jerusalem betont, dass diese Art der Flexibilität des Gehirns bereits bekannt ist, berichtet der NewScientist. Frühere Studien hätten gezeigt, dass das Gehirn eine neurale Region, die für einen Sinn wie Sehen, Riechen oder Hören bestimmt ist, auch für einen anderen nutzen kann. Das sei zwar an sich schon faszinierend, das Entscheidende an der aktuellen Studie sei aber, dass sich das Gehirn spontan verändert, nur weil ein Mensch ohne die Fähigkeit zu sehen geboren wurde.


Diese Meldung wurde von pressetext.austria ausgedruckt und ist unter http://www.pressetext.com/news/20110301010 abrufbar.